r L’enfant du désert
Gilles de Maistre, France, Belgium, 2026o
14-year-old Sun has written and successfully published a story based on an incredible story told by her late grandfather about a wild child called Hadara, who is saved by a group of ostriches when he becomes separated from his family in a storm, and is then raised in the desert amid a host of wild animals, including his best friend, a desert fox. When Sun is invited to travel to the Sahara by a local community who has heard about her book, she meets Kharouba, a Nomad girl of her own age, and realizes there may be much more to Hadara than just a character in a bedtime story.
Der französische Regisseur Gilles de Maistre hat sich seit seinem Erfolg mit Mia et le lion blanc (2018) auf naive, aber bildgewaltige Filme über die Freundschaft zwischen kindlichen Helden und Wildtieren wie Löwen, Wölfen, einem Jaguar oder Panda spezialisiert. Dabei gelingen ihm immer wieder frappierende Aufnahmen einer innigen Verbindung zwischen Mensch und Tier, indem er seine Protagonisten schon Monate vor den Dreharbeiten aneinander gewöhnt. Bei L’enfant du désert kommt hinzu, dass diese Geschichte eines Wüstenjungen namens Hadara, der als Zweijähriger in einem Sandsturm verloren geht und zehn Jahre lang als Schützling einer Straussenfamilie überlebt, angeblich auf Tatsachen beruht. Die schwedische Journalistin Monica Zak war 1993 bei Recherchen in der Westsahara auf diese Legende gestossen, die später von Leuten aus Hadaras einstigem Umfeld untermauert und von Zak zu einem Kinderbuch umgeschrieben wurde. Gilles de Maistres Verfilmung fügt der Geschichte von Hadaras symbiotischem Zusammenleben mit den Straussen als Zwei-, Sechs-, schliessslich Zwölfjähriger eine bezeichnende Rahmenhandlung hinzu: De Maistres eigene Tochter tritt als gefeierte jugendliche Vefasserin der Story auf, die sie als Märchenerzählung ihres Grossvaters kennengelernt hat. Bei einem Saharatrip erfährt das Teenagermädchen indes, dass es Hadara tatsächlich gab und dass er nach seiner Aufspürung durch ein westliches Filmteam als spektakuläres «enfant sauvage» vermarktet werden sollte, bis sich der Regisseur dieser frevlerischen «kulturellen Aneignung» bewusst wurde und das Projekt fallen liess. Anders gesagt: Mit L’enfant du désert kommt das postkoloniale schlechte Gewissen des Westens beim Kinderfilm an und vermittelt schon dem jüngsten Publikumssegment, dass jede Geschichte eine Ideologie mit sich führt. Gut so, doch keine Sorge: Die didaktische Zutat hindert de Maistre keineswegs am hemmungslosen Schwelgen in Bilderbuchlandschaften und der sentimentalen Selbstbehauptung seines afrikanischen Mowgli. Die Wüste ist hier ein Abenteuerspielplatz, das Überleben darin, na eben, ein Kinderspiel.
Andreas FurlerGalleryo
