Hirschfeld – Unbekannter Bekannter
Stina Werenfels, Samir, Switzerland, 2026o
Thanks to German immigrants, the Zurich Schauspielhaus became a bastion of intellectual resistance against Nazi ideology in the 1930s and 1940s; thanks to great playwrights such as Frisch and Dürrenmatt, or Tennessee Williams and Thornton Wilder, it became one of the most significant German-language theatres of the post-war period. Yet the architect of this fame has been forgotten: the Jewish refugee Kurt Hirschfeld. A portrait in context.
Man weiss es – und wusste vieles bis zu diesem Film doch nur vage: Das Zürcher Schauspielhaus war ab der Machtergreifung der Nazis Zufluchtsort zahlloser deutscher Theaterschaffender und deshalb in den 1930/40er Jahren ein Hort des geistigen Widerstands gegen die NS-Ideologie. In den 50er- und frühen 60er-Jahren dann wurde es zu einer zentralen Bühne der Nachkriegsmoderne, auf der Frisch und Dürrenmatt zu internationalen Stars reiften und neue Grössen wie Tennessee Williams oder Thornton Wilder zu entdecken waren. Das Zürcher Regiepaar Samir und Stina Werenfels hat der heimlichen Schlüsselfigur dieser Blütezeit, dem jüdischen Emigranten, langjährigen Chefdramaturgen, Regisseur und späten Direktor Kurt Hirschfeld (1902–1964), ein ebenso packendes wie berührendes Porträt gewidmet. In Zusammenarbeit mit letzten lebenden Weggefährten, Hirschfelds Tochter Ruth und exzellenten Zeitkenner:innen zeichnet es den lebenslangen Hindernislauf des unermüdlichen linken Modernisten nach, der in Zürich zunächst mehrfach vergrault wurde und es 1938 doch fertigbrachte, dass das Schauspielhaus vor brauner Übernahme gerettet wurde. Politisch umstrittene Autoren wie Brecht oder Wolf bettete Hirschfeld in einen Spielplan mit mehrheitsfähigen Klassikern voller Gegenwartsbezüge ein. Der sorgsam gebaute Film mit klassischer Erzählstimme ist so reichhaltig, dass man sich manches Verknapptes noch ausführlicher erzählt gewünscht hätte – und umso mehr den Kopf schüttelt über die Zürcher Filmstiftung, die diesem Urzürcher Stoff eines Gespanns mit unbestreitbarem Leistungsausweis die Unterstützung verweigerte. Eine starke Fernsehfassung von Hirschfelds Frisch-Inszenierung Andorra im Originaldekor von 1961 und die liebvollen Erinnerungen der Tochter bilden klug eingesetzte dramaturgische Leitfäden durch die Materialfülle. Hirschfelds Kühnheit, Beharrlichkeit – und Kompromissfähigkeit – schliesslich strahlen wie Leitsterne in unsere Zeit. Dürrenmatt sprach bei Hirschfelds Beerdigung vom Erlebnis, einem mutigen Menschen begegnet zu sein, und fügte bei: «Es gibt kein grösseres.» Hirschfeld, der Film, ist ein Must.
Andreas FurlerGalleryo
