r Don't Let the Sun
Jacqueline Zünd, Switzerland, Italy, 2025o
In a world almost like ours, Jonah works for an agency that offers human relationships. When he's hired to serve as Nika's father, he begins to lose control of his tightly controlled life.
Im Spielfilmdebüt der Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd ist die Erde unerträglich heiss geworden. Die Menschen leben nachts, meiden Nähe und Berührung. Jonah (Levan Gelbakhiani) verdient seinen Lebensunterhalt damit, andern gegenüber im Auftrag emotionale Rollen einzunehmen – als Partner, Gefährte, Freund –, ohne wirkliche körperliche oder seelische Verbindung zuzulassen. Cleo (Agnese Claisse) bucht ihn, damit er ihrer neunjährigen Tochter Nika (Maria Pia Pepe) den abwesenden Vater ersetzt. Das Mädchen spielt der Mutter zuliebe mit, aber mit der klaren Ansage, sie brauche keinen Vater – bis sie dann doch beginnt, Jonahs sorgfältig gepflegte Distanz zu unterlaufen. Zünd, bekannt für fein komponierte Dokumentarfilme wie Almost There oder Where We Belong, überträgt ihre präzisen Beobachtungen nun ins Fiktionale: vielfach statische Einstellungen, klare Zentrierung, kontrastreiche Architektur. Gemeinsam mit ihrem ständigen Kameramann Nikolai von Graevenitz und Koautor Arne Kohlweyer schafft sie eine kühle, zugleich poetische Dystopie über Beziehungen und Ersatzgefühle in einer überhitzten Welt. Die Idee entstammt Zünds Beobachtung «mietbarer Familienmitglieder» in Japan. Daraus formt sie keine Satire, sondern ein stilles, schmerzliches Drama über Sehnsucht nach Nähe trotz der Angst vor Berührung. Symbolische Szenen – ein Laden mit lebenden Eulen, ein ritualisiertes Körperanspringen der Blockbewohner – spiegeln das Paradox aus Kontaktbedürfnis und Isolation. Trotz formaler Strenge verweist der Film auf emotionales Kino: Einzelne Figurenkonstellationen erinnern an Spielbergs A.I. oder Bessons Léon, doch ohne deren Sentimentalität. Zwischen Dystopie, Parabel und Charakterstudie gelingt Zünd ein seltenes Kunststück: ein ebenso kontrollierter wie zärtlicher Film über Distanz, der tief berührt.
Michael Sennhauser
