Mit einem Tiger schlafen
Anja Salomonowitz, Austria, 2024o
Sleeping with a Tiger is a hybrid film about the Austrian painter Maria Lassnig. A film about her struggle in the male dominated art world and the quest to find her own personal artistic way of expression in which she brings her inner pain on canvas. And of course a film about her great artistic success.
«Ich kann mich gleichzeitig von innen und von aussen sehen,» erklärt die Malerin Maria Lassnig der kleinen Tochter ihrer Freundin in Paris. Lassnig liegt nackt in der Badewanne und redet leise auf Französisch, eher für sich als für die Kleine. Als sie dann noch etwas von «aufschneiden» sagt, nimmt das Mädchen samt Teddy Reissaus. Diese Gleichzeitigkeit von Innen und Aussen wird bei Anja Salomonowitz zum formalen Prinzip ihrer Künstlerinnenbiografie Mit einem Tiger schlafen. Wie Lassnigs Gemälde spricht auch ihr Film nicht nur das Auge, sondern den ganzen Körper an – schmerzhaft und grossartig zugleich. Birgit Minichmayr spielt Lassnig in allen Lebensphasen – vom Kind bis zur alten Frau – ohne Maske oder Kostümwechsel. Allein Haltung, Blick und Mimik markieren Alter und Erfahrung. So wird die Künstlerin in einer durchgehenden Verkörperung erfahrbar, frei von biografischer Maskerade. Salomonowitz verbindet so präzise biografische Fakten mit einer radikal subjektiven Form. Fast jede Szene entspringt einem Lassnig-Bild und führt zugleich aus ihm heraus. Selbst die legendäre Szene mit der Künstlervereinigung «Hundsgruppe» um Arnulf Rainer kippt von kunsthistorischem Realismus in persönliche Wahrnehmung. Besonders eindrücklich ist die poetische Sequenz, in der die von Freunden verlassene Malerin ihre Bilder heimträgt – bis Ameisen ihr eines davon abnehmen. Später lässt Lassnig, alt und müde, dem titelgebenden (Computergrafik-) Tiger die Ateliertür offen. Der künstliche Charme der virtuellen Grafik verstärkt perfekt das Spiel mit der Grenzauflösung zwischen Innenwelt und äusserer Wirklichkeit. Mit einem Tiger schlafen schwimmt gegen den Strom der üblichen Malerbiografien: kein Geniekult, keine Bohème-Romantik, stattdessen ein Film, der, wie Lassnigs Malerei, direkt, surreal und auf mehreren Ebenen zugleich von künstlerischer Existenz erzählt. Zur ausführlichen Besprechung
Michael SennhauserGalleryo
